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Autor Thema: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren  (Gelesen 169871 mal)

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Henrik

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Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« am: 05. März 2019, 21:05:53 »

Wie war die Landwirtschaft in Deutschland ( und Umgebung) vor rund bald 90 Jahren ?

Die ersten Schlepper kamen auf die Großbetriebe. Pferde waren sicherlich noch der Haupteil der Zugkraft. Gab es noch Ochsen zum ziehen oder war das vorher?

Pflanzenschutz gab es ja noch nichts.

Was gab es an Dünger ( außer Mist und Jauche) ? Kali , Guano ..
Wie waren die Fruchtfolgen ? Habe mal gelesen das auch recht viel Flachs damals angebaut wurde. Raps wurde damals ja auch schon angebaut.
Zuckerrüben ist klar, Roggen auch.
Außer Pflug und Egge gab es nicht viel auf den Höfen oder ?

Dran erinnern wird sich hier wohl keiner ;) aber vielleicht weiß der eine oder andere noch was aus Erzählungen von früher.

Gruß

Henrik
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guest50797

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #1 am: 05. März 2019, 22:16:41 »

Zitat
Pflanzenschutz gab es ja noch nichts.

Was gab es an Dünger ( außer Mist und Jauche) ? Kali , Guano ..
Das es keine PSM gab ist so nicht richtig.
Seit langem verwendete man Arsensalze als Insektizide, Kupfersalze als Fungizid, ebenso Dinitrokresol als Herbizid und Insektizid.
Schon 15 Jahre zuvor führte Bayer mit Uspulun die fungizide Getreidebeize auf Quecksilberbasis ein und verbesserte diese mit Ceresan 1929.

In den späteren Jahren des Jahrzehnts entdeckte man TEPP und DDT als Insektizide ebenso wie die heute noch gebräuchlichen Dithiocarbamate als Fungizide.

1913 lief in Oppau die Ammoniaksynthese nach Haber und Bosch an und bereits 1927 würden über 800.000t N fixiert,
da gerade Frieden war wurde der Großteil zu Mineraldünger verarbeitet. zusätzlich gab es seit 1919 Produktionskapazitäten für 500.000t Kalkstickstoff,
was weiteren 100.000t N entspricht.
Mit dem Odda-Prozess standen seit 1932 große Kapazitäten für hochlösliche Phosphordünger bereit,
1913 begann in Staßfurt die industrielle Verarbeitung von Kalirohsalz zu den üblichen Kalidüngern.

Also alles in allem war man damals vermutlich nicht so rückständig wie man heute denkt
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BNT

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #2 am: 06. März 2019, 07:16:05 »

Seit 5.000 Jahren betreiben wir chemischen Pflanzenschutz. Die Sumerer wussten schon um die Wirkung des Schwefels.

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wilhelm

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #3 am: 06. März 2019, 08:21:01 »

Bei uns am Betrieb wurde ca 1935 auch schon eine Scheibenegge an einem Lanz mit 25 PS gefahren.
Aus Erzählungen meines Vaters weis ich das auch Raps angebaut wurde.
Insektizide wurden pulverförmig in Tüchern an Holzstangen verteilt.
Nach seinen Aussagen haben sie den rapsanbau wegen der Schädlinge wieder eingestellt
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Heico

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #4 am: 06. März 2019, 08:33:10 »

Ende der Zwanziger war die "schlechte Zeit" Der Börsencrash in Amerika; hatte hier auch Auswirkungen. Die Leute konnten einfach nichts mehr bezahlen.
Mein Opa hatte einen schlachtreifen Bullen für 1 RM verkauft. Arbeitskräfte waren fast umsonst weil 6 Mio keine Arbeit hatten. Dann kam unser Weltverbesserer und alle waren begeistert, dass es bergauf ging. Die Landwirtschaft wurde besonders hofiert. Ein Bauer mit  über 25 ha musste nicht unbedingt selber arbeiten. War dann so art Geschäftsführer. Bei uns im Dorf hatte sich dann eine Gemeinschaft gebildet, die von Börse und Spekulationen mit Warentermingeschäften ihr Zusatzeinkommen generierten. Bevorzugter Handelsplatz war Winnipeg. Es lief über Kabel > Telex. Das Ende vom Lied war, dass die Preise immer schlechter wurden und fast alle, die mitgemacht hatten, Land verkaufen mussten. Gekauft haben die, die nicht mitgemacht hatten und dann auch verschuldet waren. Vor dem Hintergrund gab es evtl 1 Schlepper im Dorf. Die Mechanisierung mit Schleppern verschob sich auf 1948 bis 1955. Wir bekamen Mitte der 30er einen Heuaufzug mit Schienen zum Abladen und Transport auf dem Heuboden.
Die Margen in der Viehhaltung und auf dem Acker müssen bei den kleinen Stückzahlen (aus heutiger Sicht) sehr hoch gewesen sein. Ich schätze 50%
Raps wurde hier nicht angebaut, das kam erst in den 60ern. Flachs für die eigene Verarbeitung war üblich. Weizenanbau war eher wenig, Roggen war üblich, Sommermischgetreide für Futter und Hafer für den "Hafermotor".

Im Ackerbau wurde Hederich Kainit und Kalkstickstoff ungeölt als Herbizid und Fungizid eingesetzt. Ungeölten Kalkstickstoff durfte ich noch kenennlernen. Allerdings nicht mehr mit Hand gestreut, sondern mit Kuxmann Tellerstreuer.
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canuck

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #5 am: 06. März 2019, 18:22:18 »

Habe von meiner Farm einige alte Papiere
Erster Kaufvertrag 1917 von Vater zu Sohn alles was auf der Farm war fuer 5/Dollar
Sohn ist verpflichtet fuer seine Eltern zu sorgen bis an ihr Lebensende.
Vieles ist schwer verständlich zu lesen.
Einen aehnlichen Deed habe ich fuer eine Nachbar Parzelle 1896.
Der zweite Kaufvertrag ist dann 1957 zu der naechsten Generation.
Da sind das gesamte Inventar drauf 29 kuehe 2 Traktoren 1952 Ford Sedan 400 huehner usw.
Preis 30000
« Letzte Änderung: 06. März 2019, 18:35:40 von canuck »
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canuck

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #6 am: 06. März 2019, 18:23:45 »

1917
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canuck

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #7 am: 06. März 2019, 18:25:35 »

1957
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canuck

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #8 am: 06. März 2019, 18:58:14 »

Hier in den 30er Jahren war die gemischte Farm.Eine nach der anderen an jeder Concession Road.Meist 50 oder die groesseren100 acres.
Im Winter wurde nicht gemolken. Sommer Kaese gemacht und naehe der Stadt zum Markt gefahren mit Kartoffeln,Gemuese ,Eier ,Poulet usw.
Getreide wurde habtsaechlich Hafer angepflanzt.Hors and buggy waren das Verkehrsmittel und im Fruehling die meisten Straßen fast nicht passierbar.Der Frost machte die Straßen zur Suppe .
Ackerbau war in dieser Gegend kaum von Bedeutung.Die Meliorationen wie Entwässerungen und Straßennetz fehlten noch.
Manche haben auch die Milch zu Butter gemacht und den Butter nach Montreal geliefert.
Nicht selten waren ja weit ueber 10 Kinder im Haus. Handarbeit war ja zur genüge vorhanden.
Ein bescheidenes Leben ,aber doch selten Hunger.
Ein Zeuge von dieser Zeit ist unser altes Eishaus.Ein kleines Haus mit dickenWaenden gefuellt waren sie mit Saegemehl.Darin war das Eis vom Fluss.Geschnitten mit einer Saege und mit dem Schlitten heimgefahren.Gebraucht wurde das Eis das ganze Jahr auf dem Markt,damit das Poulet Fleisch frisch blieb.
« Letzte Änderung: 06. März 2019, 19:05:33 von canuck »
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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #9 am: 06. März 2019, 19:44:13 »

Mein Großvater hat am 22. August 1939 einen Deutz F2M315 mit 28 Ps mit Ackerkuftreifen um 6.359,12 RM erworben. Der Kaufvertrag sowie der Typenschein sind noch immer vorhanden. Da mein Vater im Jahre 1942 zur Wehrmacht nach Russland und erst 1948 aus der Gefangenschaft in Russland heimkam, lag die Betriebsführung bei meinem Großvater. Dieser hatte es leider nicht verstanden, den Traktor fahrunfähig zu machen. Die Wehrmacht hat den Traktor im Jahre 1945 beim Rückzug mitgenommen, er ist nie wieder aufgetaucht. Laut meinem Vater wurde der Traktor mit mit dem Erlös von Weinverkauf bezahlt. Preis für 1 Liter 1 RM.
Wie schon oben  beschrieben, waren die Betriebführer sogenannte "Herrenbauern", deren Aufgabe darin bestand, das Gesinde zu kontrolieren und gegen Abend den Rest des Tages im Weinkeller zu verbringen.
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granola

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #10 am: 06. März 2019, 20:31:58 »

Die ersten Bodenuntersuchungsergebnisse habe ich aus 1935. Reichsnährstand "Blut und Boden".... Der Landwirtschaft ging es deutlich besser erzählten meine Grosseltern. In unserer Gemarkung hat sich nicht so viel getan im Hinblick auf Flurbereinigung und Melioration, zum Einen wurde da schon im Kaiserreich dank eines fortschrittlichen Bürgermeisters viel gemacht, zum Anderen haben wir wenig schlechte Standorte für die Meliorations- und Kultivierungsprojekte. Das habe ich dann in Niedersachsen kennengelernt: Die Windwurf-Fichten auf den Dämmen die mit damals in Handarbeit aufgeworfen wurden hätte ich nicht halbsoalt geschätzt, da gehörte Kiefer hin....
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Cyberlui

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #11 am: 06. März 2019, 21:58:31 »

Thomasdünger gabs auch schon recht früh, war ja abfall bei der Stahlerzeugung
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Heico

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #12 am: 07. März 2019, 00:36:22 »

Mein Großvater hat am 22. August 1939 einen Deutz F2M315 mit 28 Ps mit Ackerkuftreifen um 6.359,12 RM erworben. Der Kaufvertrag sowie der ................................

Bei dem Preis kein Wunder warum die Meisten noch Pferde bevorzugten.
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Josef

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #13 am: 07. März 2019, 04:50:50 »


Nach seinen Aussagen haben sie den rapsanbau wegen der Schädlinge wieder eingestellt

Wie heißt es so schön, Geschichte wiederholt sich!
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nofear

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Re: Landwirtschaft in den dreißiger Jahren
« Antwort #14 am: 07. März 2019, 07:25:27 »

Thomasdünger gabs auch schon recht früh, war ja abfall bei der Stahlerzeugung

Das war wohl damals ein relativ großer "Wurf", nicht nur wegen des P sondern vermutlich auch wegen der Spurenelemente.
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